Saranda
Der
Name! Sandra traute ihren Augen nicht. Wie ein Kind, das sich
nicht sicher ist, ob es nicht doch träumt, kniff sie sich in den
Arm, fest, und blinzelte. Der Arm tat weh, und der Name blieb vor
ihren Augen stehen, klein, unscheinbar in der linken oberen
Ecke der fleckigen Landkarte, jenseits der rot gestrichelten
Linie, die die griechischen von den lateinischen Buchstaben
trennte. Saranda. Saranda stand da. Und Sandra träumte nicht.
Sie streckte den Finger aus und fuhr den Schriftzug entlang, um
sich vollends davon zu überzeugen, was sie sah, gleichzeitig
freudig erstaunt und ehrfürchtig. Saranda! Jahrelang, viele
lange Jahre hindurch hatte dieser Name sie begleitet, war ihr
fast so vertraut gewesen wie ihr eigener. Irgendwann, als sie
erwachsen geworden war, hatte sie Saranda verloren ... und
ausgerechnet hier fand sie Saranda wieder, hier, auf einer
alten Landkarte an einer sonst kahlen Wand eines kleinen Cafés
in Athen. In einer fremden Stadt, die sie zum erstenmal
bereiste, in einem Café, das sie nur durch Zufall betreten
hatte, als ob Saranda sie gerufen hätte. Saranda, das war eine
Welt, die sie geschaffen hatte und die außer ihr nur Cecília
wirklich kannte.
Auf
den in der Sonne weiß leuchtenden Steinen am Rande des Schulhofs
des hässlichen Lissabonner Gymnasiums hatte der alte Atlas
Sandra und ihre beste Freundin Cecília in den Pausen in ferne,
fremde Länder entführt, in Welten, die schon deshalb anders
sein mussten, weil sie weit entfernt waren. Saranda war
Cecílias Entdeckung.
Sieh
mal, Sandra, hier ist ne Stadt, die fast genauso heißt wie
du!
Saranda.
Saranda. Saranda. Sandra ließ sich den Namen ihrer Stadt auf der
Zunge zergehen. Ihren Zwillingsnamen. Aus den Buchstaben konnte
man Sandra bilden; nur in der Mitte blieb ein a bestehen, a wie
amor oder abismo, Liebe oder Abgrund, oder beides zugleich.
Ausgerechnet
über diesem a inmitten von Saranda verlief ein Knick auf der
Landkarte, der das Wort teilte in ein Sara am Meer und ein Anda
im Landesinneren, vielleicht schon im Gebirge. Auf Landkarten
waren die Namen immer viel, viel größer als die eigentlichen
Städte. Das eigentliche Saranda ... jahrelang hatte sich Sandra
danach gesehnt, es einmal in ihrem Leben betreten oder sogar
kennenlernen zu dürfen. Doch ihre Eltern verreisten nicht,
ebensowenig wie Cecílias Eltern, und weder die Zeitungen noch
das Erdkundebuch nahmen Saranda auch nur durch eine Zeile etwas
von seinem Geheimnis.
So
blieb Saranda eine Freistatt der Phantasie, ein Ort, wo sich alle
Träume, Einfälle, verrückten Ideen Sandras ansiedelten, die
Stadt erbauten und gestalteten. Saranda, dieser Name war der
Rahmen für alles Schöne, Unerreichbare. In Saranda gibt es nur
gute Schulnoten. In Saranda hauen die Väter ihre Kinder nicht.
In Saranda sind alle nett. Auch Cecília spielte mit: In
Saranda gibt es Eis, das nie zu Ende geht. In Saranda gewinnt die
Fußballmannschaft jedes Spiel.
Der
neue Atlas, der im Erdkundeunterricht verwendet wurde, voll
thematischer Übersichtskarten statt detaillierter
Länderkarten, kannte kein Saranda. Kein Wunder, daß die
Klassenkameraden Sandra und Cecília aufzogen: Ihr mit
eurem Scheißsaranda! Das gibts ja gar nicht! Doch
die beiden blinzelten sich wissend zu und dachten bei sich:
Typisch keine Ahnung von Saranda!
Wer
keine Ahnung von Saranda hat, bin ich, durchfuhr es Sandra.
Sie starrte auf die schwarzen Buchstaben auf der Landkarte, bis
sie vor ihren Augen mit Stadt, Meer und Gebirge in einer
graubraunen Masse verschwammen. Es gab das Saranda der Einfälle
und Träume, Sandras inneres Saranda, und daneben gab es das
Saranda, das ein Punkt und ein Schriftzug in einem alten Atlas
oder auf einer Landkarte an der Wand war. Das wirkliche Saranda
war kein Traum, es war fremd - und wirklich, es blickte Sandra
durch die drei a auf der Landkarte hindurch an, sie lautlos
rufend. Jetzt war die Gelegenheit da, endlich. Saranda war zu
Sandra gekommen; nun war es an Sandra, sich nach Saranda
aufzumachen.
In den
Norden Griechenlands fahren. Irgendwie über die Grenze,
irgendwie musste es möglich sein, im Gegensatz zum alten Atlas
war auf dieser Landkarte die rote Linie nur gestrichelt. Den
Wegen nach Saranda folgen. In Saranda sein, endlich, nach so
langer Zeit des Vergessens.
An
Cecília wollte sie schreiben, wie sie es vor langen Jahren
vereinbart hatten: Schreibe mir aus Buena Esperanza, ich
werde dir aus Saranda schreiben. Denn auch Cecília hatte
ihr Saranda. Es hieß Buena Esperanza und lag in einer
südamerikanischen Provinz namens San Luis. Sandra hatte es für
ihre Freundin entdeckt, als Cecília gerade in einen gewissen
Luis verliebt war. Eine Provinz seines Namens, mit einer Stadt
namens Gute Hoffnung, das hatte Cecília gefallen.
Doch Cecília war mit ihrer Familie nach Frankreich ausgewandert.
Frankreich, ein Land aus Fabriken, Fabriken, Fabriken. Niemand
kannte dort Buena Esperanza.
Wenn
ich nach Saranda fahre und dir schreibe, dachte Sandra und
nahm den bestellten Kaffee in Empfang, dann siehst du, dass
auch du nach Buena Esperanza fahren kannst. Dass es möglich
ist. Was konnte Sandra in dem Brief aus Saranda
schreiben? Saranda ist so, wie ich es mir vorgestellt
hatte. Oder: Saranda ist ganz anders, als ich es mir
vorgestellt hatte. Oder einfach nur: Saranda
ist.
Da das
Flugzeug zurück nach Portugal bereits für den übernächsten
Tag gebucht war, durfte sie keine Zeit verlieren, überlegte
Sandra und nippte am Kaffee. Sie musste zum Bahnhof gehen und zu
Busunternehmen, sich nach Strecken, Zeiten, Preisen erkundigen.
Sie musste herausfinden, ob sie ein Visum brauchte, ob der
Reisepass schnell verlängert werden konnte, ob auch der
Personalausweis ausreichte. Bei ihrer Reise nach Griechenland
war Bürokratie ein anregendes Ritual gewesen, jetzt verfluchte
Sandra sie.
Und
kaum war sie dabei, den Abstecher nach Saranda logisch und
vernünftig zu planen, wie sie so viel in ihrem Beruf plante
und organisierte, so prasselten schon von allen Seiten Gedanken
wie Hagelkörner auf sie ein. Konnte sie in Saranda ihre Schecks
verwenden oder musste sie Geld wechseln? Galt ihre Versicherung
in Saranda? In welcher Sprache konnte sie sich in Saranda
verständigen? Fände sie in Saranda überhaupt ein
Hotelzimmer?
Plötzlich
müde geworden, stützte Sandra ihren Kopf in die Hand und trank
einige Schluck Kaffee. Der Kaffee war bitter. Vielleicht
ist er auch in Saranda so bitter, dachte Sandra.
Vielleicht habe ich auch in Saranda beim Kaffeetrinken den
Mund voller Krümel.
Und
die Konferenzen am Nachmittag und am folgenden Tag! Auch sie, vor
allem sie, hatten Sandra nach Griechenland gerufen und riefen
sie in diesem Augenblick immer lauter, gegen die lange Zeit
überhörte, erst jetzt wieder vernehmbare Stimme Sarandas.
Sandras Stimmen waren sie alle. Welcher sollte sie folgen, welche
war letztendlich lauter? Die Konferenzen waren wichtig, sogar
sehr wichtig für ihr berufliches Vorankommen. Sie konnte sich
doch nicht einfach als krank ausgeben und die Spesen für einen
weiten Ausflug auf eigene Faust nutzen. Selbst für Saranda
konnte sie nicht so viel aufs Spiel setzen. Ach, Saranda.
Und
wenn sie später irgendwann einmal nach Saranda reiste,
vielleicht als Badeurlaub? Aber ihre Familie fuhr Jahr für Jahr
in die Algarve; vor allem die Kinder weigerten sich, irgendwo
Urlaub zu machen, wo nicht portugiesisch gesprochen wurde. Und
allein unternahm Sandra nur Berufsreisen, so wie diese nach
Athen.
Sie
trank ihre Tasse leer und verzog das Gesicht. In Portugal war der
Kaffee nicht so bitter und vor allem nicht so krümelig. Wollte
Sandra denn wirklich einem alten Traum ihrer Kindheit
hinterherjagen, eine Phantasiestadt, eine Phantomstadt, eine
Unstadt besuchen? Ihr Saranda, das goldene Saranda, gab es nur
in ihrem - und vielleicht Cecílias - Kopf. Das wirkliche Saranda
musste anders sein, musste enttäuschen. In wirklichen Städten
gingen nicht alle Wünsche in Erfüllung. War es da nicht
sinnvoller, aus Achtung vor der reichen Vorstellungskraft des
Kindes Sandra das Bild des vollkommenen Saranda im Inneren zu
bewahren, anstatt es den Flecken und Rissen des wirklichen
Saranda preiszugeben? Ein hässliches oder armes Saranda, ein
Saranda, in dem Menschen weinten oder starben, hätte Sandra
nicht ertragen.
Ade,
Saranda. Ade. Zum letzten Mal ergriffen ihre Augen den
vertrauten Schriftzug, der ihr eigener Name schien, bis auf das a
in der Mitte, das alles bedeuten konnte. Saranda. Dann wandte
Sandra sich ab, wischte sich die Augen, umklammerte den Henkel
der Kaffeetasse, der ihr für diesen Augenblick Halt bot. Und je
länger sie ins Innere der leergetrunkenen Tasse starrte, desto
klarer sah sie ihr goldenes Saranda dort im Kaffeesatz am Grunde,
ein schwärzlicher, schmutziger Matsch, wie Staub.
© 1994 Silke Liria Blumbach. All
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