Rynek Glowny

Was sollte sie tun, was sollte sie nur tun gegen die Sehnsucht nach Boris, die brannte, wie nur die Stiche polnischer Mücken brennen, sie wusste es, an der Wisla wimmelte es nur so von Mücken? Was sollte sie tun hier am Rynek Glowny, den sie immer noch jeden Tag aufsuchte, auch jetzt noch, und der es einfach nicht schaffte, nur der Rynek Glowny zu sein und nicht mehr, auf gar keinen Fall also gleichzusetzen mit Boris, der sich selbst Baris nannte, Baris aus Maskwa? Der Platz war ein Magnet mit einem Pol vor und einem hinter den Markthallen, und diese Pole zogen sie an, so wie Polen sie angezogen hatte, damals, vor langer, langer Zeit, als sie noch in Deutschland lebte und im Geschichtsunterricht etwas über den deutschen Drang nach Osten hörte. In dem Augenblick war es Dora klargeworden, dass sie nicht nur dahintrieb, sondern dass sie davontrieb, dass die Entfernung zwischen ihr und all den anderen um sie herum gleich einer zusammengedrückten Feder war, bereit, sie hinauszuschleudern, und auf einmal wusste Dora auch die Richtung: Osten. Das Zeugnis legte sie am Tag, an dem sie es erhielt, zuunterst in den Koffer, und einige Stunden später saß sie bereits im Zug, Umsteigen in Frankfurt: wenn ich jetzt die Augen wieder öffne, bin ich in Polen. Natürlich hatte sie die Universität schon angeschrieben, natürlich hatte sie schon lange vorher begonnen, Polnisch zu lernen, genauer gesagt, an dem Tag, an dem ihr Lehrer den deutschen Drang nach Osten erwähnt hatte, ein Ausdruck wie ein Bogen, der sie in zielgeradem Flug mitten nach Kraków katapultiert hatte, bis sie auf dem Rynek Glowny landete, wie Boris.

Boris und Dora verbanden die gemeinsamen Fluchtwege, ein geographischer: Polska, Kraków, Rynek Glowny, und ein intellektueller: Bücher. Bücher sind die besten Freunde, auf sie ist immer Verlass, und so hatte Dora sich einmal nach einer Enttäuschung auf dem Teppichboden ihres Zimmers in Deutschland ein Schloss aus Büchern errichtet, nach außen eine Festung, nach innen ein Palast, in dessen Schutz sie sich so geborgen fühlte wie erst wieder auf dem Rynek Glowny, natürlich mit Boris, wie hätte es auch anders sein können, oder wie an dem Tag, an dem sie zum ersten Mal in ihrem Leben in Boris’ Zimmer, auf Boris’ Bett saß.

Die Wisla. Boris’ unvergessener Satz: „Wo ich wohne, kannst du den Fluss nicht sehen, aber du fühlst ihn.“ Häuser über Häuser, aber kein Fluss, das sprang ins Auge, wenn sich Dora über Boris’ sorgsam aufgeräumten Schreibtisch beugte, um einen Blick aus dem Fenster zu ergattern; der erste Teil des Satzes war so eindeutig wie die Hinterhöfe. Der zweite Teil des Satzes hingegen konnte sehr viel bedeuten, so wie man einen Fluss auf viele verschiedene Arten fühlen konnte; was Dora noch nicht wusste, als sie zum ersten Mal auf Boris’ Bett unter den Plakaten mit den kyrillischen Buchstaben saß, bereit zu sein, mit einer Natürlichkeit, als kannten sie sich nicht erst seit einer Woche. In einer anderen Gestalt, in einer anderen Zeit vielleicht mussten sie einander früher schon gekannt haben; wie sonst war es zu erklären, daß er ihr, als er zum Teekochen in die Küche ging, für die Zeit des Wartens einen Band polnischer Gedichte zuwarf, ausgerechnet er und ausgerechnet ihr, die sie Lyrik über alles liebte oder, besser gesagt, über alles geliebt hatte, bevor sie Boris kennengelernt hatte? „Boris, woher weißt du ...?“ rief sie aus und fühlte den Fluss der Zeit, der sie beide so leicht wie Korken zueinander gespült hatte, und es stimmte absolut alles, als sie ihre Schuhe unter Boris’ Bett schob.

Sanft und weiblich hatte er sie genannt.

Und die Wisla war unsichtbar in seinem Zimmer, und Dora legte sie sich um den Hals wie eine Kette, an der Polens schönste Städte hingen, Torun und Warszawa und Kraków und viele andere, die sie nur von einer Ausspracheübung her kannte; und Boris’ Satz nahm neue Bedeutungen an, denn sie fühlte den Fluss, mächtig und rauschend, als wäre er nicht erst in Kraków, sondern kurz vor der Ostsee. Die Mücken kamen erst später und umschwirrten dann auch den guten, alten Rynek Glowny, an dessen Rande sie jetzt immer noch und schon wieder saß, diesmal mit dem Karton aus dem Paket ihrer Schwester aus Deutschland.

Boris und nochmals Boris, und eines Tages war dann Iwan vorbeigekommen, ein Landsmann von ihm, mit lautem Lachen und echtem russischen Wodka, und Dora hatte auch getrunken und gelacht, viel mehr als Boris, der ärgerlich war und schimpfte: „Das ist doch primitiv!“; und zu der Zeit begannen die Mücken die Stadt zu überfallen. Ihre Stiche brannten unter der Haut, wie nur die Stiche polnischer Mücken brennen, und es war unmöglich, sich zu schützen; sie stachen durch Decken und Strümpfe und scherten sich einen Dreck um die Mückentinktur, die als Sonnenmilch diente an diesem unsichtbaren Wisla-Strand in Boris’ Zimmer. Die Nächte waren von den Fingerkuppen in die Fingernägel gewandert; Nacht um Nacht kratzte sich Dora, hellwach, neben dem schlafenden Boris, der merkwürdigerweise ungestochen blieb; und sie stellte sich Millionen von Polen in den Perlenstädten entlang der Wisla vor, jetzt und vor hundert und vor tausend Jahren, die alle in ihren Betten saßen und sich kratzten und die alle durch dieses leise, schabende Geräusch und das unerträgliche Brennen unter der Haut miteinander verbunden waren bis hin zu den Königen oben auf dem Wawel. Und mitten in diesem Brennen dachte Dora, wie glücklich sie zu schätzen war; niemals hätte sie sich in Deutschland träumen lassen, sich irgendwann in einem Bett zwischen Wisla und Rynek Glowny zu kratzen und im Dämmerschein des Mondlichtes, des Stadtlichtes oder des frühen Sonnenaufgangs des Ostens über Boris’ Schlaf zu wachen und ganz vorsichtig über seine Augenlider zu streichen und über seine nicht zerstochene Haut, sanft und weiblich, wie er es liebte.

Doch Boris hatte sich bereits über sie geärgert, weil sie mit Iwan gelacht und getrunken und am Tag danach gekotzt hatte, wie primitiv; und dies war bloß das erste einer Kette von Ereignissen, die ihn zunehmend davon überzeugten, dass sie doch nicht so sanft und weiblich war, wie er es sich erträumt hatte, eine Kette, die sich bedrängender und bedrückender um Doras Hals legte als die Wisla-Kette aus polnischen Städten.

Und jetzt saß Dora allein am Rande des Rynek Glowny und trank wieder Kaffee wie in Polen üblich anstelle des russischen Tees; eigentlich hatte sie sich mit Wisnówka betrinken wollen, sie und eine ganze Flasche Boris-Vergessen in der Mitte des Rynek Glowny; aber am Morgen war das Paket ihrer Schwester aus Deutschland angekommen, „vielleicht freust du dich darüber, es hat dir ja früher solchen Spaß gemacht“: Doras alte Rollschuhe. Manchmal kamen solche Pakete wie gerufen.

Doch erst den Kaffee austrinken und ein letztes Mal daran denken, wie Boris in diesem Straßencafé zum allerersten Mal vor ihr aufgetaucht war, an ihrem ersten ganzen, nicht durch eine müde Zugreise angestochenen Tag in Polen. Im Gespräch hatte Boris sich vorgebeugt und die Hand ausgestreckt, strich mit den Fingern über den Rand ihrer Untertasse und ließ seine Hand auf dem weißen Porzellan liegen. Dora stockte der Atem; sie wusste genau, dass dies eine Übersprungshandlung war, zu etwas war die Schule also nützlich gewesen; hätten sie damals die Übersprungshandlung nicht durchgenommen, so hätte sie vielleicht nie gemerkt, dass auch Boris sie wollte.

Dass er ein sanftes, weibliches Wesen namens Dora wollte, besser gesagt. Und alles, alles war nur scheinbar, seine Dora, ihr Boris, wie so vieles auf der Welt, so wie es auch nirgendwo eine Stadt namens Mockba gab. Baris war wieder in Maskwa, irgendwo, seit irgendwann, mit irgendwem, sie wollte es gar nicht wissen.

Nur der Rynek Glowny zählte, jetzt, da sie allein war wie in ihren ersten Stunden in Polen, noch einmal neu angekommen, aber diesmal mit Rollen unter den Füßen, die sie durch Taubenwolken dahinstieben ließen, vorbei an den Markthallen und an der Marienkirche und all den anderen berühmten Bauwerken, an denen Dora nie zuvor gesehene Fenster, Farben, Figuren erkannte. Ein paar blonde Polen sahen ihr hinterher, einer pfiff. Kocham cie, fiel es Dora ein, ja ljublu tibja, merkwürdig, dass die Schwesternsprachen Polnisch und Russisch gerade in diesem Satz so verschieden waren wie wirkliche Schwestern, wie sie und die in Deutschland, die ihr die Rollschuhe geschickt hatte, die den Rynek Glowny mit seinen Taubenwolken zum Kreisen brachten, wie nicht einmal russischer Wodka es vermocht hätte.

Und auf einmal sehnte sich Dora nach dem Meer.

 

 

© 1996 Silke Liria Blumbach. All rights reserved.