Rio
Endlich
läutete es zur großen Pause. An den Fluss! los! an den
Neckar! riefen sie einander zu und stürmten hinaus.
Patricia war eine der ersten; ihre blonden Haare wehten hinter
ihr her, als sie über den Schulhof, über die Straßen lief.
Zwei Straßen mußten auf dem Weg zum Fluss überquert werden,
normalerweise, aber heute war eine neue Zeit angebrochen und
eine neue Welt eingebrochen. Jetzt lag zwischen der Schule und
dem Fluss nur noch eine breite Straße, die Hauptstraße. Sie zog
sich wie immer ungerührt von links nach rechts oder von rechts
nach links, als wäre nichts geschehen. Als wäre ihr der Fluss
völlig gleichgültig.
Patricia
schlug Slalom zwischen den kopfschüttelnden Passanten und rannte
weiter inmitten der Horde Kinder. Jede Sekunde der großen Pause
mußte genutzt werden, vor allem an einem solch besonderen Tag;
da durfte man sich nicht durch das Gewimmel in der Hauptstraße
aufhalten lassen. Zum Fluss! zum Fluss! In den ersten beiden
Schulstunden war Patricia vor Neugierde fast geplatzt. Weder am
Morgen noch am Vorabend war sie am Fluss gewesen; sie hatte zu
Hause nur dem Rauschen des Regens und den Radiomeldungen
gelauscht. Zu jeder vollen Stunde, bis sie nach elf Uhr nachts
schließlich eingeschlafen war, hatte sie ihre Hand zum
Radiowecker ausgestreckt, um die neuesten Neckarnachrichten zu
hören. Es war eine aufregende Zeit, eine ganz besondere
Vorweihnachtsspannung. Das Heulen der Sirenen klang bis ins
Klassenzimmer, und die Lehrerin sprach von Sandsäcken und
Booten, erzählte dann von Kanälen in Venedig und Nilschlamm in
Ägypten. In Venedig knabberten die Kanäle an den Häusern, und
Nilschlamm war ganz, ganz wertvoller Matsch. Sie wusste schon
tolle Sachen zu erzählen, die Lehrerin, doch heute hatten alle
bloß ungeduldig auf die große Pause gewartet. Einige hatten
sogar Gummistiefel mitgebracht.
Patricia
stieß einen überraschten Pfiff aus, als sie in die
Marstallstraße bog. Am Ende der Straße staute sich unter
Regenschirmen, mit Kapuzen und Gummistiefeln, mit Fotoapparaten
und Filmkameras eine Menschenmenge vor einer Absperrung aus
Holzbrettern und Sandsäcken, und hinter dieser Absperrung
staute sich der Fluss und klopfte mit kleinen Wellen gegen das
Holz. Ein Fluss auf der Straße. So etwas hatte sie in ihrem
Leben noch nie gesehen. Patricia schlängelte sich zwischen
nassen Öljacken hindurch und drängte sich bis zur Absperrung
vor.
Was
sie sah, war so gewaltig, dass sie sich in die Unterlippe biss.
Der kleine, brave Neckarfluss von einst war ein gefräßiges Meer
geworden, das die Uferstraße in seiner ganzen Breite
verschlungen und sogar seinen eigenen Strand, die Neckarwiesen,
verschluckt hatte. Patricia verdeckte mit ihrer Hand das
gegenüberliegende Ufer mit den zwischen kahlen Bäumen
aufgehängten Villen, so dass der Neckar in der Ferne bis an ihre
Hand reichte, so weit sie sehen konnte also, bis an den Horizont.
Sie stellte sich die Schreie der Möwen vor und Algen, die sich
um ihre Knöchel wanden. Sie hatte immer davon geträumt, in
einer Stadt am Meer zu leben; außerdem hatte sie sich
gewünscht, dass einmal in Heidelberg etwas ganz
Außergewöhnliches passierte, aufregender als die
Rollschuhfahrten mit ihren Freundinnen durch längst bekannte
Straßen. Jetzt waren beide Wünsche auf einmal in Erfüllung
gegangen, der Fluss hatte sie erfüllt. So groß und wild und
gierig, dass sich Erwachsene fürchteten, war er geworden, um zu
Weihnachten ihre größten Wünsche zu erfüllen. Patricia merkte
immer deutlicher, daß sie den Fluss liebte, wie sie noch nie
einen Fluss geliebt hatte. Wie sie überhaupt noch nie geliebt
hatte.
Ein
Schulkamerad zog sie von hinten an den regennassen Haaren. Sie
mussten zurück in die Klasse, die Pause war fast zu Ende,
wahrscheinlich waren sie sowieso schon zu lange am Neckar
geblieben. Einmal blickte Patricia noch in die Wellen, die der
Wind vor sich hertrieb. Dieses Flussmeer war für den Namen
Neckar viel zu schade. Ein Neckar plätscherte bloß
artig zwischen den Pfeilern und Bögen der Brücken dahin und war
viel zu brav, um Wiesen, Straßen und Häuserkeller zu
überfallen. Niemals konnte ein Neckar das Meer bringen. Sie
wollte ihrem neuen Freund einen neuen, treffenden Namen
ausdenken. Rio klang ganz gut. Es klang nach einem schönen,
starken, freien Fluss, der floss, wie er wollte, und nicht, wie
die steinernen Brücken und Straßen wollten. R-i-o. Wie eine
Welle ließ Patricia den Namen aus ihrem Mund hervorbrechen.
Rio, ich komme wieder! rief sie dem Fluss zu und lief
dann den anderen hinterher.
Viel
zu lange dauerte die Schule heute, bis sie endlich wieder an den
Fluss gehen, ein paar neugierige Blicke auf Rio werfen konnte,
der mittlerweile über die Absperrung geklettert war und die
Querstraßen entlangkroch. Einen langen Spaziergang machen
durfte Patricia leider nicht, Mittagessen, Turnverein, dann
musste sie wieder nach Hause und Koffer packen helfen, denn am
nächsten Tag fuhren ihre Eltern mit ihr nach Norddeutschland zu
Verwandten. Rio konnte sie dann erst nach Weihnachten
wiedersehen. Typisch Erwachsene, bei Hochwasser einfach
davonzufahren, wenn Heidelberg endlich mal die aufregendste Stadt
der ganzen Welt war!
Überall
führten Schläuche aus Kellern empor und spuckten in dünnem
oder dickem Strahl Wasser auf die Straße. War Rio unter die
Stadt gekrochen, durch unterirdische Gänge, um unerwartet in
vielen Quellen gleichzeitig hervorzubrechen, in vielen Häusern
gleichzeitig Unterschlupf zu suchen und Stützpunkte für neue
Angriffe aufzubauen? Patricia wollte auch einen Fluss im Haus
haben. In ihrem Keller würde Rio sich bestimmt wohlfühlen; sie
wollte ihn willkommen heißen und ihm ihre Plastikschiffe und
-fische zum Spielen geben. Dann wollte sie ihm durch den
Gartenschlauch den Weg nach draußen zeigen, ihrem Freund Rio so
bei der Eroberung der Stadt behilflich sein.
Der
Nachmittag war so langweilig wie schon lange kein Nachmittag
mehr. Patricia dachte an Rio, hörte wieder im Radio
Flussnachrichten und versuchte auszurechnen, wie viele Patricias
man aufeinanderstellen müsste, um den Pegelstand zu erreichen.
Und je später es wurde, desto deutlicher entstand ein Plan in
ihr. Dazu musste sie ein Paar Gummistiefel - die alten, denn die
neuen waren im Koffer -, ihren Jogginganzug und ihre Kapuzenjacke
unter dem Bett verstecken und vor dem Schlafengehen darauf
achten, dass die Haustür und die Kinderzimmertür nur
angelehnt waren. Im Bett lauschte sie auf alle Geräusche im
Haus, wartete darauf, dass die Schlafzimmertür zum letztenmal
quietschte, zog sich im Dunkeln wieder an, schlich die Treppe
hinunter und stahl sich aus dem Haus.
Die
nassen Straßen glänzten im Licht der Laternen, doch es hatte zu
regnen aufgehört. Vielleicht ruhte sich auch Rio von seiner
Arbeit aus, das Meer in die Stadt zu tragen. Zu dieser Stunde
ließen ihn sogar die Katastrophentouristen in Ruhe.
Patricia spähte in eine dämmrige Nebenstraße nach der anderen,
in den meisten von ihnen blickte sie schließlich Rios
nassgelbes Gesicht an. Aus der ehemaligen Uferstraße, dem
Neckarstaden, kam ein Hündchen um die Ecke geschwommen; als es
das Festland erreicht hatte, schüttelte es sich und verspritzte
in alle Richtungen schlammige Tropfen. Patricia beugte sich zu
ihm herunter und streichelte es. Na, Kleiner, was machst du
denn noch hier um diese Zeit? Bist du ein Flusshund? Doch
der kleine Hund tapste davon, eine schlammige Spur
zurücklassend. Nilschlamm in Venedigs Kanälen,
dachte Patricia, und das alles hier in Heidelberg.
Mit
ihren Gummistiefeln stapfte sie durch eine große Pfütze
hindurch auf die Alte Brücke. Jetzt war die Brücke eine Insel
geworden, wie einige Häuser weiter unten am Neckarstaden.
Patricia wollte in einer Stadt aus lauter Inseln wohnen, mitten
im Meer oder mitten in Rio. Mit Booten würden die Menschen dann
von Haus zu Haus paddeln, das wäre mal etwas anderes als
Rollschuhlaufen, und der Unterricht fände auf dem Dach der
Schule statt, und statt Fußball oder Gummitwist würden sie
Wasserball und Wettrudern spielen. Und sie würden über die
verärgerten Gesichter der Erwachsenen lachen. Erwachsene
verstanden eben keinen Spaß und keinen Rio. Doch sie, Patricia
auf der Brückeninsel in der Nacht, sie verstand Rio, vielleicht
sogar besser als alle anderen, weil sie wie Rio war. Genauso
wild, unbändig, unberechenbar. Zwei Sack Flöhe sind
leichter zu hüten, stöhnten ihre Eltern immer. Doch der
schöne, stolze, freie Rio, der neue König der Stadt, er
verstand die kleine Patricia, die sich in ihrem Innern genauso
groß und stark fühlte wie ihr Freund. Rio, Riooooo!
rief sie laut und sprang platschend durch die Pfützen am neuen
Ufer, Riobobobobo, und schlug sich wie bei den Rufen
beim Indianerspielen auf den Mund. In glitzernden Wellenmustern
rauschte Rio ihr zu.
Die
Idee war total verrückt, doch Rio war schließlich genauso
verrückt. Einfach in Straßen und Keller zu fließen und aus
Brücken und Häusern Inseln zu machen! Da durfte sich Patricia
auch mal eine Verrücktheit erlauben. Sie blickte sich rasch nach
allen Seiten um. Niemand war in der Nähe. Und wenn
schon, dachte sie, Rio schert sich schließlich auch
nicht darum, was die anderen von ihm denken. Also zog sie
Stiefel und Kleider aus, legte sie auf einen Treppenabsatz und
stieg in das lehmige Wasser. Brr! Sie strampelte mit Armen und
Beinen, spritzte Rios Wasser in den schwarzen Himmel, zählte so
schnell wie möglich bis zehn und war sofort wieder draußen.
Dezember war wirklich nicht die beste Badezeit. Immerhin, sie
hatte es getan. Sie hatte tatsächlich in Rio gebadet, war in
ihm gewesen. Jetzt waren Rio und sie für immer Freunde.
In den
nächsten Stunden erforschte sie das neue Ufer und sang Rio ein
Lied nach dem anderen vor. Als sie müde geworden war, ging sie
wieder nach Hause.
Mist,
die Haustür war zugefallen! An das Heimkommen hatte sie bei
ihren Vorbereitungen überhaupt keinen Gedanken verschwendet.
Wohl oder übel musste Patricia also klingeln und das
Donnerwetter auf sich nehmen. Und das Donnerwetter hatte es in
sich: Schimpfe, Hausarrest bei den Verwandten und eine Tracht
Prügel, wie sie sie noch nie erlebt hatte. Patricia biss die
Zähne zusammen und dachte unter Tränen an Rio. Auch er wurde
von den Erwachsenen schlecht behandelt, kanalisiert und
verschmutzt.
Am
Morgen fuhren sie los nach Norddeutschland. Patricia konnte sich
nicht mehr von ihrem flüssigen Freund verabschieden, doch sie
dachte die ganzen Weihnachtsferien über an ihn. Auf der
Rückfahrt wurde sie immer kribbeliger. Zwischen den Hügeln,
in den Städten und Dörfern stellte sie sich Ströme gelben
Wassers vor und konnte es kaum abwarten, in Heidelberg an den
Fluss zu laufen.
Wo war
Rio? Was war geschehen? Auf den Straßen stand kein Wasser mehr;
nur Sandsäcke und dunkler, stinkender Schlamm erinnerten an
einigen Stellen noch an die Flut. Nilschlamm, pah! Rio, ihr
allerallerbester Freund, den sie je gekannt hatte, war weg, weg,
weg! Er hatte sich einfach davongemacht, hatte sie im Stich
gelassen, ohne ihr Bescheid zu sagen! Rio hatte Patricia
verlassen, die in ihm gebadet und für ihn gesungen hatte, die
ihn geliebt hatte wie niemanden zuvor. Rio hatte sie verraten.
Bitter schaute Patricia auf die Abdrücke von Hundepfoten im
Schlamm, zornig stieg sie trockenen Fußes auf die Alte Brücke,
und verächtlich spuckte sie alle Spucke, die sie gesammelt
hatte, in das brave, zahme Wasser des winzigen, gemeinen Neckars.
© 1994 Silke Liria Blumbach. All
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