Der
letzte Tag - der erste Tag
Das
Tor öffnete sich. Langsam schritt Petra nach draußen, die
Auffahrt hinunter, bis zur Straße.
Sie
durfte sich nicht umdrehen, kein einziges Mal, nicht einmal kurz
über die Schulter spähen. Als Orpheus sich umdrehte, musste
seine Frau auf ewig zurück in die Unterwelt. Drehte Petra sich
jetzt um, müsste sie vielleicht auch wieder zurück, und man
würde sie für immer dort behalten, obwohl sie diesmal nichts
anderes getan hätte als einen letzten Blick auf das Licht im
Draht zu werfen.
An
hellen Sommertagen mit leuchtend blauen Steinchen in ihrem
Fenstermosaik war der Draht atemberaubend schön gewesen, zu
einem modernen Kunstwerk gerollt, silbrig strahlend. An solchen
Tagen reinster Sonne fing der Draht das Licht ein und jagte es
seine Spiralwindungen entlang, bis er weiß glühte und sie
blendete; und stundenlang stand sie am Fenster, bis ihr die Augen
tränten von einer unendlich fernen Sonne.
Damals,
dachte Petra nun, damals, in einer Welt und einer Zeit
hinter meinem Rücken. Als erstes fiel ihr das Preisschild
der Eisbude ins Auge. Ein Bällchen für eine Mark. Sie verzog
den Mund. Mit allem hatte sie gerechnet, in ihrem Kopf steckte
ein unsichtbares Kino mit hundert verschiedenen Filmen, die alle
den Namen Der letzte Tag - der erste Tag trugen. In
einem fiel sie zu Boden und küsste den Asphalt; in einem
weiteren, ihrer Lieblingsversion, brach sie auf der Straße in
einen wilden Freudentanz aus, bis sie fast von einem Auto
überfahren wurde. Diese Schritte und noch viele mehr und viele
andere hatte sie gespielt und geübt, wenn der Stacheldraht
einmal nicht gleißte, sondern ihr ins Herz schnitt.
Doch
die wirkliche Straße unter ihren Füßen, in ihren Augen, in
ihrem Herzen stand nicht in den Drehbüchern, die drinnen
entstanden waren. In Gedanken zerriss Petra sie, schmiss sie in
den Bello und zog kräftig. Sie waren wertlos, weil sie nicht
berücksichtigt hatten, daß die Zeit auch im Geld verging. Es
tat weh zu sehen, wie teuer das Eis jetzt war, wie sich die Welt
also weitergedreht hatte, rasend schnell, während sie, Petra, in
einer Abstellkammer zwischen Stacheldraht und Traumtänzen
gewartet hatte.
An der
Bordsteinkante lag ein Stein. Petra setzte sich neben ihn,
streckte die Hand aus, ließ ihn auf ihren Handteller kullern. Er
hatte weiße Augen und einen roten Streifen, vielleicht eine
Narbe von irgendeiner Verletzung. Er glitzerte, als hätte jemand
winzige Teilchen des Stacheldrahtes abgefeilt und mit einem
Brocken der Mauer darunter zu einem unauflöslichen Ganzen
verschmolzen.
Sollte
sie ihn dorthin werfen, wo er hingehörte, woher sie kam und
wohin sie nie, nie, nie mehr zurückwollte? Natürlich würde sie
den Stein nur über die Schulter in Richtung Knast schleudern;
umdrehen, so wie Orpheus, durfte sie sich nicht.
Doch
der Stein schien sie aus seinen weißen Augen anzublicken, und
seine Narbe sah aus wie ein Mund, der etwas sagen wollte. Der
Stein passte genau in ihre Hand, und im Grunde genommen war er
schön.
Petra
steckte den Stein in ihre Hosentasche und ging weiter.
Irgendwann, irgendwo auf dieser alten neuen Straße ohne Ende,
fing sie an zu hüpfen.
© 1997 Silke Liria Blumbach. All
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