Ölpest

Was soll ich tun, mein Bruder, wenn die Ölpest alle Wasser überschwemmt und meine Atemwege verstopft? Was soll ich tun, wenn mir die Luft genommen wird und das Licht und meine Flügel so verkleben, dass ich sie vergesse?

Bruder des Meereswindes, was soll ich nur tun, wenn ich als Ölklumpen an den Strand getrieben werde und die Menschen mich für eine Robbe halten und erschlagen? Wenn die Augen der Tiefseefische platzen angesichts der toten Kinder und der toten Träume, und ihre Kiemen sich nicht mehr zu öffnen wagen aus Furcht, die welken Blütenblätter zu zerstören, die vor langer Zeit im Meer begraben wurden?

Vor langer Zeit, als die Angst noch ihre Finger lockern musste, hin und wieder, sah ich die Möwen fliegen in der roten Stadt, in der ich einstmals lebte, Möwen über Stacheldraht und Scherben, und eine dieser Möwen, das warst du, mein Bruder.

Auch wenn du längst schon nicht mehr fliegst in Sonnenglut und in gezacktem Blätterwirbel, erinnert mich doch jeder Möwenruf daran, den Kopf zu heben, so schwer er auch sein mag; und mit verklebten Flügeln und verstopften Atemwegen überlasse ich mich den Wellen, die mich an irgendein Gestade tragen werden oder in die grenzenlose Weite.

 

 

© 1997 Silke Liria Blumbach. All rights reserved.