Die
Kreuzhacke
Zunächst
war es ein leises, dumpfes Geräusch, etwas dunkler gefärbt als
die Atemluft, vervielfacht und aufgereiht als kurze, dunkle
Lautpunkte, wie Fliegenkleckse. Nur Elisa vernahm es und
erbleichte. Nun würde es nicht mehr lange dauern, und sie würde
wieder Yasmin aus dem Schlaf reißen, Lúcia aus den Träumen,
Liria aus der Wiege. Dieses Geräusch war das altbekannte
Warnzeichen, das nur sie kannte, sonst niemand und schon gar
nicht ihr Mann mit dem urdeutschen Namen, mit Grundbesitz und
Bürostress, der nur den Kopf schüttelte und es irgendwann
aufgegeben hatte, sie auf ihren hastigen Wegen zu begleiten.
Elisa verübelte es ihm nicht, obwohl es nahezu unmöglich war,
drei Kinder gleichzeitig zu tragen.
Liria
musste immer getragen werden. sie war ein kränkelnder,
zerbrechlicher Säugling, der aus dem Tragetuch brüllte und nach
wenigen Schlücken das Fläschchen in hohem Bogen von sich
schleuderte. Die größten Sorgen machte Elisa sich zur Zeit um
Yasmin. Sie musste eingeschult werden, bald, aber das hätte
bedeutet, sie bewusst der Gefahr auszusetzen. Auf den Fluchten
bereitete Yasmin jedenfalls die geringsten Probleme. Sie war für
ihre sechs Jahre eine erstaunlich gute Fußgängerin, mit
holzfester Hornhaut an den Fußsohlen, und nur wenn auch sie vor
Erschöpfung zusammenbrach, wurden die Wege zur Qual. Liria auf
dem Rücken, Yasmin auf dem linken und Lúcia auf dem rechten
Arm oder umgekehrt, Lúcia, das niedliche Winterkind. Und
keines konnte sie am Wegesrand zurücklassen, keines, und erst
recht nicht bei ihm lassen.
Das
sonderbare Knacken in der Luft hatte zugenommen. Elisa führte
ihren Blick prüfend durch den Raum. Tatsächlich saßen auf dem
Vorhang drei kranke Stubenfliegen, die sich die Seele aus dem
Leib husteten. In Elisas Entsetzen mischte sich Mitleid mit
diesen unschuldigen Kreaturen, die sich irgendwann zu Tode
husten und deren Beinchen das Gewebe des Vorhangs loslassen
würden, deren transparente Flügelchen sie nie mehr durch die
Luft tragen würden. Überall, wo Elisa mit ihren drei Töchtern
auftauchte, deren Namen ihr aus der Ferne zugetragen worden
waren, erkrankten nach kurzer Zeit drei Fliegen und husteten sich
zu Tode. Das hing mit dem Fluch der Kreuzhacke zusammen. Nur
Elisa hörte das Husten der Fliegen und hinterließ auf ihrer
Odyssee eine winzige Spur des Todes.
Der
Maurer hatte sie verflucht, doch Elisa vermutete, dass ihre
Eltern diesen Mann bestellt hatten, um sie durch ihn verfluchen
zu lassen und nicht selbst diese Schuld auf sich zu laden. Das
Trockenlegen des Kellers war nur eine Ausrede. Sie war ein böses
Mädchen gewesen, das seine Schulbrote wegwarf, seine Schwester
schlug, sogar die Hand gegen seine Eltern erhob und ihnen Geld
stahl, nicht aus Habgier, sondern aus Rachlust. Gegen den Maurer
hatte sie sich gewehrt. Er sollte es nicht tun, nicht in den
Keller eindringen, er war ihr Keller geworden, weil sie den See
ganz allein geweint hatte. Der See, der Fäulnisgestank in den
Fundamenten des Hauses aufsteigen ließ, die wiederum
Schimmelpilze anzogen, welche die Grundmauern durchsetzten und
zersetzten, dieser See sollte, angeblich um Elisas Gesundheit
willen, ausgetrocknet werden bis auf die letzte Träne. Doch es
war der Keller der Wahrheit, nur sie wusste es; und deshalb
stellte sie sich dem Maurer in den Weg, stellte ihm ein Bein,
kniff ihn und schüttelte seine Ohrfeigen einfach von sich ab.
Als dies alles nichts half, versteckte sie, als er in einer
Mittagspause, an die feuchte Hauswand gelehnt, in der Sonne eine
Flasche Bier in seine Kehle rinnen ließ, seine Werkzeuge.
Alle
Werkzeuge hatte sie versteckt bis auf eines - die Kreuzhacke. Sie
allein war übriggeblieben. Sie hatte der Maurer am folgenden Tag
zur Hälfte in die Kellerwand eingemauert, zusammen mit dem
Fluch, der nicht gegen sie gerichtet war, das wäre weitaus
erträglicher gewesen, sondern gegen Yasmin, Lúcia und Liria,
deren Namen, Augenfarben und Stimmen zu der Zeit noch niemand
kannte.
Die
nur locker eingemauerte Kreuzhacke, die sich irgendwann aus
ihrer düsteren Bleibe lösen und sich auf den Weg begeben
sollte, hatte in Elisa bereits eine unsichtbare Kerbe geschlagen.
Seitdem hörte sie die Fliegen husten und wusste dadurch, daß
die Kreuzhacke wieder einmal unterwegs war auf der Suche nach
drei kleinen Kinderköpfen. Dann packte sie die Kleinen und
zerrte sie mit sich, keuchend, ein gehetztes Wild, unverstanden
von ihrem Mann und sogar von den drei Töchtern selbst, die sie
doch beschützen wollte, die nicht sterben sollten wie die
Fliegen.
Es
stimmt nicht, hatte einst ein mitfühlender Mensch zu ihr
gesagt, fürchte dich nicht, es gibt keinen Fluch, nie und
nimmer. Doch er, der zwar das Lachen der Engel hörte, aber
nicht das Husten der Fliegen, was wußte er schon von Flüchen
und ihrer grausamen Treffsicherheit? Nein. Es konnte nicht wahr
sein.
Und
so, ohne die letzten Hustenanfälle der Fliegen abzuwarten,
riss sie ihre Kinder aus den Betten und stolperte mit ihnen los,
allein, allein, allein, auf der vergeblichen Suche nach einem
Fleckchen Erde, der sie vor dem Fluch der Kreuzhacke bewahren
mochte, einem Ort ohne hustende Fliegen, wo Yasmin lernen und
Lúcia spielen und Liria schlafen konnte, ohne Angst, ohne Angst,
die gerade in diesem Augenblick näher und näher kam und
anschwoll und Elisas Hirn durchzuckte wie die Schneide einer
Kreuzhacke.
© 1997 Silke Liria Blumbach. All
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