Ilir
Portugal.
So weit westlich wie möglich im alten Europa. So weit weg wie
möglich.
In der
Universitätsbibliothek, wo er Abend um Abend gegen das
Unbekannte der portugiesischen Sprache kämpfte, mit einem Eifer,
als ginge es um sein Leben, dort war er ihr begegnet. Mehrfach
waren ihnen im großen Lesesaal nebeneinanderliegende Tische
zugeteilt worden, und während er noch überlegte, ob er sie
ansprechen sollte, ansprechen durfte, stellte sie sich ihm eines
Tages einfach vor.
Sie
hieß Mira. Er runzelte die Stirn. Wie konnte eine Portugiesin
Mira heißen? Mira, so hießen Frauen in seinem Land, das er
verlassen hatte und nie mehr betreten wollte. Trotzdem, Mira war
ein guter Name. Mira war gut.
Ich
heiße Ilir. Alles hatte er dort gelassen außer seinem
Vornamen, der ihm neuerdings oft fremd vorkam.
Ein
interessanter Name, meinte Mira. Eine Mischung aus
ilusoes und lírica. Illusionen und Lyrik. Mira war
Literaturstudentin.
Ilir
bedeutet Illyrer, erklärte er ihr, und die Illyrer
waren meine Vorfahren. Er wunderte sich über den Anflug
von Stolz in seiner Stimme. Was hatte er hier und jetzt
schließlich noch mit denen da zu tun? Sollte die
Portugiesin doch im Lexikon unter I nachschlagen;
ihn fände sie dort nicht.
Jedenfalls
freute sich Ilir, daß Mira ihn angesprochen hatte. Von nun an
grüßten sie einander in der Bibliothek, und nach dem Lernen
gingen sie gemeinsam in ihr Café hoch über dem
Fluss. Der Fluss, der sich seinen Weg durch die Hügel bahnte,
war durch das Häusermeer, das Baummeer, das Wolkenmeer unterwegs
zum wirklichen Meer, ein anderes Meer als das schmale, über das
er gekommen war. Ein neues, weites Meer. Wenn Ilir mit Mira im
Café saß, sah er in dem weiten, offenen, einladenden Tal sein
neues Leben hier in Portugal.
Mira
erzählte ihm vom Studium, von der Familie, von den Freundinnen.
Sie plauderte viel, und Ilir hörte gerne zu, denn er wusste nie
so richtig, was er ihr erzählen konnte außer Banalitäten über
die Bibliothek, den Kaffee, die Landschaft. Tagsüber arbeitete
er schwarz, abends lernte er Portugiesisch und sah Mira. Die
Wochenenden ohne Arbeit waren eine Qual, füllte er sie nicht
Stunde um Stunde aus mit Portugiesischlernen und ziellosen
Wanderungen.
Sollte
er Mira von früher erzählen, von seinem einzigen Urlaub am
Meer, in derselben Stadt, in der später die Hungerschiffe
ablegen sollten? Oder von dem alten Frühlingsbrauch, bunte
Bändchen ums Handgelenk zu tragen, die dann an dem Tage, an dem
die ersten Schwalben am Rande des Himmels erschienen, in Bäume
gehängt wurden? Der Brauch sollte Gesundheit anziehen,
vielleicht Glück oder ein langes Leben - er brachte nichts von
alledem. Doch auch in Portugal sank die Sonne täglich ins Meer;
auch in Portugal gab es einen Brauch mit bunten Bändern, nur
daß hier die Bänder in den Fakultätsfarben an den Taschen der
Studenten baumelten, die in ihrer schwarzen Tracht Geistern
gleich durch die Straßen zogen. Nichts Neues für Mira, und noch
nichts für Ilir.
Wie er
denn nach Portugal gekommen sei, hatte Mira ihn in sein Grübeln
hinein gefragt. Mit dem Schiff, antwortete er,
und dann mit Lastwagen, per Anhalter, immer weiter mit
Lastwagen, bis ich hier war. Ilir ilegal.
Illegale
Ausreise, illegale Durchreise, illegale Einreise. Warum bloß
hatte er den ganzen Weg über Glück gehabt, wieso hatte ihn
niemand festgenommen? Nicht einmal in Italien, im überlaufenen
Hafen, hatte man ihn aufgehalten. Und den Lastwagenfahrern in
den schützenden Fahrerkabinen war es gleichgültig, wen sie
mitnahmen; sie hörten Portugal und wiesen auf den
Sitz neben sich. Niemand kontrollierte ihn an den Grenzen.
Europäische Gemeinschaft. Ilir wollte dazugehören, hier in
ihrem äußersten Westen. Er war entkommen, hatte alles
zurückgelassen außer dem Namen ... und außer den Schreien,
den grässlichen Schreien.
Mira
erzählte von Schiffen und vom Meer, von Entdeckungsfahrten und
Entdeckern, von einem Dichter, der schrieb, dass sich für die
Weitherzigen alles gelohnt habe. Ilir hörte schweigend zu und
dachte an die Hungerschiffe, an das Hungerschiff, mit dem er
gekommen war, nach dem langen Weg von den Bergen herab ans Meer.
Nachts war er gewandert, vor Kälte und erkennenden Blicken durch
seinen Mantel geschützt; tagsüber hatte er in Verstecken
geschlafen, immer begleitet von der Angst und den Schreien - ein
Wunder, dass er in der Hafenstadt angekommen, aufs Schiff gelangt
war. Dort schien niemand sonderlich Notiz von ihm zu nehmen. Ilir
tauchte ein in die Masse ausgemergelter Gestalten, die über den
Rand der Schiffe quoll und sie fast zum Sinken brachte. Die
Schiffe hungerten nicht an Menschen, aber die Menschen hungerten
an Schiffen und nicht nur an Schiffen. Hungerschiffe waren es,
auf ungewissem Kurs nach Westen. Auch Ilirs Blicke waren gen
Westen gerichtet.
Bari.
Ein Name wie ein Tor, für Ilir kein Eingangstor, sondern ein
Durchgangstor. Er wollte, musste weiter nach Westen, so weit weg
wie möglich. Das Schreckliche einfach hinter sich lassen im
zurückgelassenen Land.
Eines
Abends erzählte Mira ihm von einem Roman aus dem vergangenen
Jahrhundert, den sie ziemlich kitschig fand. Die Familien
haben sich entzweit, Teresas Geliebter Simao erschießt Teresas
Vetter Baltasar, Teresas und Baltasars Familie sähe Simao zu
gerne unter der Erde. Blutrache. Das gabs im vorigen
Jahrhundert noch bei uns. Wie kann man nur so dumm sein!
Ilir
starrte auf das schwarze Band des Flusses. Langsam, als spräche
er zu ihm anstatt zu dem Mädchen, begann er: In dem
Land, aus dem ich komme ... da gibt es heute noch
Blutrache. Mira blickte ihn aus großen, neugierigen
Augen an, als sei er einer vergangenen Zeit entstiegen.
Mira, Morde werden begangen, Menschen sterben, Mira!
Ilir wandte sich ihr zu, er schrie es fast: Stell dir vor,
Mira, sie bringen deinen Nachbarn um! Und er fuhr leiser
fort: So war es, Mira. Mein Nachbar wurde erschossen.
Mira
erhob sich schweigend, legte ihren Arm um Ilir, lehnte sich an
ihn. Lauter als zuvor tobten in Ilir die Schreie, seine
Begleiter, die Schreie der Nachbarsfrau beim Anblick ihres
erschossenen Mannes, die keine menschlichen Schreie mehr waren.
Sie stießen gegen sein Trommelfell, hämmerten von innen gegen
seine Haut, suchten ihn mit aller Gewalt daran zu hindern, jemals
wieder ein Mädchen im Arm zu halten. Besessen,
schoß es Ilir durch den Kopf, besessen, besessen.
Oh, Mira, Mirinha. Sie durfte er auf gar keinen Fall da
hineinziehen.
Sanft
schob er Mira von sich und rang sich ein Lächeln ab. Sofort
wurden die Schreie leiser. Mach dir keine Sorgen.
Sommer
in Portugal. Genauso heiß wie in den Bergen. Die Studenten
hatten sich in die Kühle der Hörsäle und Cafés
zurückgezogen; nur Ilir und Mira saßen auf der obersten Stufe
der großen Treppe, die zur Universität führte. Unten auf dem
Parkplatz dösten heimatlose Hunde im Schatten der Autos.
Sag
mal, Ilir, fragte Mira plötzlich, warum bist du
eigentlich nach Portugal gekommen? In der Ferne
zerschnitten graugrüne Palmen die grauweißen Vierecke der
Hochhäuser. Nein, Mira durfte es nicht wissen. Mira sollte wie
an diesem Tag auf der Treppe neben ihm bleiben, unversehrt.
Das verstehst du nicht und wirst du nie verstehen.
Ich
will es aber verstehen! rief Mira aus. Lass es mich
zumindest versuchen, Ilirinho! Ilir verschränkte seine
Arme vor der Brust und schwieg.
Nach
einer Weile begann Mira ganz leise vor sich hin zu singen, nur
für sich; er verstand erst nach einiger Zeit, was sie sang:
Ilir, ilusoes líricas, ilusoes ilíricas. Ilir,
lyrische Illusionen, illyrische Illusionen. Hör auf, Mira,
hör auf, ich will dein trauriges Lied nicht hören, dachte
Ilir, doch das Lied sang bereits in seinen Ohren.
Dann
sah er die Polizisten. Langsam schoben sie sich Stufe um Stufe zu
ihnen empor, wurden immer größer. Nun war es also doch soweit.
Er hatte es nicht geschafft. In ihm stieg das Bild seines eigenen
Armes auf, der ein Gewehr hielt. Deutlich verfolgte er, verfolgte
ihn die winzige Bewegung seines Zeigefingers am Abzug. Es
gibt kein Zurück, keinen Ausweg, kein neues Leben, dachte
Ilir. Es ist aus. Die Polizisten rückten immer
näher heran, erreichten das Ende der Treppe, gaben sich den
Anschein, als wollten sie bloß an den beiden vorbeigehen. In
diesem Moment sprang Ilir auf. Mit bebendem Blick streifte er die
Polizisten, die stehenblieben, sah Mira auf der Steinstufe an,
rief: Mira, ich war es! Ich habe meinen Nachbarn
erschossen! Mira, ich liebe dich, Mira!
Ilir!
Zwei Schwertern gleich durchbohrten ihn die gellenden i seines
Namens, die aus Miras Mund stürzten, aus ihrem verzerrten
Gesicht inmitten einer strahlend blauen Gleichgültigkeit.
© 1994
Silke Liria Blumbach. All rights reserved.