Degenerierte Traumstadt Tirana

Mein erster Eindruck von Albanien aus der Vogelperspektive: "Dieses Land ist noch schöner, als ich es mir vorgestellt habe!" Mitreisende zeigen mir den höchsten Berg in der Nähe von Tirana, den Dajt, doch ich sehe von oben drei Berge, die gleich hoch zu sein scheinen ...

        Und dann die Ankunft auf dem kleinen, persönlichen Flughafen Rinas hinter Palmen, wo die Koffer noch von Hand aus dem Flugzeug transportiert werden. Die Weiterfahrt in Albaniens tyrannische Hauptstadt, wo ich als erste albanische Spezialität gebratenen Mais knabbere. Auf den nur zum Teil befestigten Straßen hupen Mercedesse und schieben sich Pferdekarren vorwärts.

        "Du hättest Tirana früher sehen müssen", erzählen mir meine Freunde, "früher war es eine sehr schöne Stadt." Heute ist Tirana ohne Zweifel zumindest eine interessante Stadt.

        Die Sehenswürdigkeiten hat man rasch abgeklappert. Sie gruppieren sich hauptsächlich um den Skënderbej-Platz, das Herz Tiranas. Auf einem eisernen Pferd sitzt er und sieht auf uns herab, der edle Recke Skënderbej oder Skenderbeg, der im 15. Jahrhundert die erheblich stärkeren Heere der türkisch-osmanischen Eindringlinge immer wieder zurückgeschlagen hat. Einen anschaulichen Crash-Kurs albanischer Geschichte gibt es im Historischen Nationalmuseum, dem großen Klotz am Skënderbej-Platz mit dem großen Bild im Stil des sozialistischen Realismus auf der Vorderfront, mittlerweile allerdings ohne roten Stern. Fotogen sind außerdem der Uhrturm und die Moschee, in der vor einigen Jahrhunderten eine Spinnerin gesessen haben soll, wovon sich angeblich der Name "Tirana" ableitet - wie, das habe ich vergessen. Dann gibt es hier noch den Kulturpalast und einige Regierungsgebäude, von denen noch mehr auf dem sich anschließenden "Boulevard der Märtyrer der Nation", der Bummelmeile Tiranas, aufgereiht sind. Am Ende des Boulevards macht sich ein Teil der Universität breit.

        Wer auf den Spuren eines Diktators wandeln will, wird sich wundern, wie einfach für deutsche Maßstäbe Enver Hoxhas Villa in einem früher hermetisch abgeriegelten Viertel ist. Seine letzte Ruhestätte sollte Hoxha in einer modernen Pyramide in der Nähe des Ministerrats finden, die heute Kulturveranstaltungen wie der Buchmesse von Tirana dient.

        Was ist sonst noch sehenswert? Vielleicht der Park mit dem See und dem Denkmal mit den drei Köpfen, die nicht, wie ich erst dachte, Marx, Engels und Lenin darstellen, sondern die Gebrüder Frashëri, führende Intellektuelle des vorigen Jahrhunderts aus der Zeit der Rückbesinnung auf die albanische Kultur. Oder das archäologische Museum oder die Galerie oder die wie eine Festung bewachte deutsche Botschaft, für viele Albaner 1990 und später das Sprungbrett in ein besseres Leben.

        Der Reiz Tiranas liegt jedoch nicht in seinen Gebäuden. Ohnehin sehen viele Wohnhäuser aus, als wären sie in halbfertigem Zustand bezogen worden. Die Bauten geben nur einen steinernen Rahmen für den eigentlichen Reichtum Tiranas ab, die Menschen. Die albanische Gastfreundschaft ist sprichwörtlich und tröstet einen rasch über die oft spartanischen Lebensumstände hinweg. "Das Haus des Albaners gehört Gott und dem Gastfreund", heißt es. Als Hauptstadt von rund 500.000 Einwohnern weist Tirana zudem eine erhebliche "Prominentendichte" auf. In Straßen und Cafés trifft man immer wieder auf bekannte Politiker und Schriftsteller.

 
 


        Schließlich ist Tirana ein guter Ausgangspunkt für Ausflüge in die Umgebung, bei denen schon die Fahrt über die engen, malerischen Gebirgsstraßen ein Genuss ist. Auf dem Dajt kann man Tirana von oben betrachten und sich an frischem Quellwasser auch dann laben, wenn es unten mal wieder mit der Wasserversorgung hapert. Auch die Burg von Petrela und je nach Geschmack das Amphitheater oder der Strand von Durrës sind einen Ausflug wert, und nicht zuletzt das malerische Kruja mit dem großen Skenderbeg-Museum.

 

 


Skënderbej-Platz mit Uhrturm und Moschee und ganz rechts dem Skënderbej-Denkmal. Mit freundlicher Genehmigung von KLEA KOLOR.

 

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