Die Familie Tare und die albanische Aktion

Ich lernte sie in der Schlange vor den Telefonzellen bei der Post kennen, an einem meiner ersten Tage in Heidelberg. Damals wusste ich noch nicht, dass ich auch im Erdgeschoss meines Hauses telefonieren konnte, wo drei andere Mädchen wohnten. Deshalb ging ich immer zur Post, um mit den Eltern zu telefonieren, in der Telefonzelle, wo man zurückgerufen werden konnte. Ausgerechnet diese Telefonzelle war eine derjenigen, von denen aus man ins Ausland telefonieren konnte, und deswegen gab es hier immer eine Schlange von Albanern, die telefonierten oder auf einen Anruf aus ihrem Land warteten.

        So lernte ich die Familie Tare kennen. Sie warteten vor der Telefonzelle, der sehr dicke Vater, die dunkelhaarige Mutter und die Tochter Vilma, und um uns nicht zu langweilen, begannen wir, uns zu „unterhalten“: mit den wenigen deutschen Wörtern, die die Tares kannten, und vor allem mit Gesten. Sie warteten auf den Anruf ihres Sohnes Desard, der ihnen nach Deutschland folgen wollte. Nachdem sie mit ihm gesprochen hatten, holten sie mich ans Telefon, weil Desard Englisch konnte. So unterhielt ich mich mit einem Albaner in Albanien, mit einem Jungen, den ich nie zuvor gesehen hatte. Schließlich luden mich die Tares, froh darüber, mich kennengelernt zu haben, zu sich nach „Hause“ ein, in ein Krankenhaus in der Nähe der Bergheimer Straße.

        Doch ihre genaue Adresse erfuhr ich erst im Dezember, und als ich beschloss, sie zu besuchen, war es Februar, der erste Montag in den Ferien. Das Gebäude war hässlich und heruntergekommen. Als ich eintrat, fiel mir als erstes der Gestank der Toiletten im Keller auf. Von den Wänden bröckelte der Putz, und einige Glastüren waren zersplittert. Ich fragte einige Ausländer, wo die Tares wohnten, und ging ins zweite Stockwerk hinauf. Überall sah es verwahrlost aus. Es gab Gänge mit vielen Türen, und hinter jeder Tür lebten Menschen, lebten Familien. Ich las die Namen auf den Türen, die in aller Eile geschrieben waren, als ob die Bewohner „aufgeräumt“ worden wären wie Dinge.

        Einige Flüchtlinge, die Nachbarn der Tares, hatten Slogans dazugefügt: „Nieder mit dem Kommunismus, es lebe Bush, es lebe Kohl.“ Nachdem sie unter dem System in Albanien gelitten hatten, nach Unterdrückung und Flucht, verehrten diese Menschen unkritisch alles, was von „der anderen Seite“ stammte. Ich erinnerte mich an die Diskussion, die ich einmal mit einem Palästinenser in der Mensa geführt hatte. Dieser Araber hatte viel unter der Politik Israels und des Westens gelitten und bewunderte deshalb jeden, der sich dem „Imperialismus“ und dem „Zionismus“ entgegenstellte: er verehrte sogar Khomeini und war für Saddam - ungeachtet der Ungerechtigkeiten und der Verbrechen, die sie begangen hatten. Der Palästinenser hasste das System, das die Albaner liebten, doch die Einstellung war gleich: unkritischer Fanatismus, eine auf eine gute und eine schlechte Seite reduzierte Weltsicht, eine Einstellung, die durch Leid entstanden war.

        Ich klopfte an die Tür der Tares. Sie waren überrascht und freuten sich sehr über meinen Besuch. Sie boten mir Getränke an, wir unterhielten uns, was einfacher als zuvor war, weil Vilma viel Deutsch gelernt hatte. Desard war in Rumänien, wo er auf ein Visum nach Deutschland wartete. Niemand arbeitete, weil die Flüchtlinge kein Recht hatten zu arbeiten.

        Die Lebensbedingungen waren erbärmlich: drei Menschen in einem Zimmer, das kleiner als meines war, mit Wänden, an denen Werbeprospekte hingen, damit sie nicht so leer aussahen.

        Der Vater Veiz war Sänger an der Oper in Tirana gewesen - und in der Tat hatte er eine gute Stimme, wie seine Tochter -, und zu Hause hatten sie eine große Bibliothek mit vielen Werken der Weltliteratur. Die Tochter Vilma, die vor zwei Tagen 21 Jahre alt geworden war, war Medizinstudentin. Hier in Deutschland wollte sie einen intensiven Deutschkurs mit fünf Unterrichtsstunden pro Tag machen, der im April begann, und dann Krankenschwester werden. Alle waren zu mir sehr herzlich, umarmten und küssten mich und luden mich zum Abendessen ein. Es gab Spaghetti, wir hörten albanische Musik, die sehr melodisch war, und wir lachten viel. Elizabeta, die Mutter, sagte, daß sie mich wie eine Tochter liebe.

        Ich war beeindruckt von der Freundlichkeit und schockiert von den Lebensbedingungen der Flüchtlinge. Was konnte ich tun? Obwohl es nicht viel war, beschloss ich, ihre Wohnung zu verschönern. Als ich in diese Stadt gezogen war, hatte ich mehr Poster mitgenommen, als ich aufgehängt hatte, und ich hatte auch noch einen Kunstkalender. Am folgenden Tag nahm ich die Bilder in das ehemalige Krankenhaus mit und hängte sie im Zimmer der Familie Tare und im Treppenhaus auf. Doch es gab auch noch die Gänge zu schmücken. In den nächsten Tagen ging ich in Buchhandlungen, Apotheken und Reisebüros und sagte: „Guten Tag. Ich sammle Poster und Kalender für eine Aktion, um ein Flüchtlingswohnheim zu verschönern.“

        Die Hilfsbereitschaft war groß. Wie ich es erwartet hatte, hatten die Reisebüros und die Apotheken fast immer etwas zu geben. Bei den Buchhandlungen gab es zwei Gruppen. Einige konnten oder wollten nichts hergeben, so wie die esoterische Buchhandlung in der Plöck, trotz ihres Anspruchs. Andere spendierten große, hübsche Werbeplakate für Literatur. In der christlichen Buchhandlung Comenius war der Chef großzügig, er schenkte mir einen großen Kalender mit schönen Fotos, der zum Verkauf auslag. Und in einem Geschäft in der Nähe der Heilig-Geist-Kirche gefiel einer Kundin die Idee so gut, daß sie für die Albaner ein Poster der Stadt kaufte.

        Nach dem Mittagessen in der Mensa schnitt ich die Kalenderbilder aus und ging zum Flüchtlingsheim. Die Albaner waren dankbar, sprachen freundlich mit mir, halfen ein wenig dabei, die Poster aufzuhängen. Shkëlqim, ein Freund der Tares, schenkte mir Orangen und legte eine Kassette mit türkischer Musik auf, die mir gut gefiel. Und ein kleines Mädchen, das auf deutsch „danke schön“ sagte, zog ein Geschwisterchen nach dem anderen aus dem Zimmer seiner Familie, um sie mir zu zeigen.

        Ich habe auch einige Wörter dieser fremden Sprache gelernt. Doch ich hatte nicht den Mut, das zu tun, was mir ein deutscher Student, den ich in der Mensa getroffen hatte, riet: den Flüchtlingen vorzuschlagen, ihr Schicksal zu malen, in den heruntergekommenen Örtlichkeiten eine Ausstellung zu machen, die Redaktion der Zeitung zu informieren und so ein größeres Publikum zu informieren und zu schockieren.

(Übersetzung aus dem Portugiesischen)

 

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